Abschied nehmen…

Eine solche Reise verändert, nicht nur einen selbst, sondern auch die Beziehung die man führt. Es wird wie selbstverständlich über Durchfall, den letzten Stuhlgang und sonstige Problemchen gesprochen – Peinlichkeiten haben keinen Platz. Man lernt einander kennen und zwar so richtig, vollkommen unverblümt, Beschönigungen ausgeschlossen. Da weiß man nachher definitiv was man hat, oder eben auch nicht. Demaskiert, den anderen wirklich und wahrhaftig sehen, nicht nur das Bild, das im normalen Leben aufrecht erhalten wird, fernab von der Rolle, die man im Alltag spielt.

Heute haben wir einander noch ein Stückchen besser kennengelernt. Nicht jede Extremsituation ist gleich, jede für sich fordert Aufmerksamkeit und im Moment fühlt es sich an, wie das Schlimmste auf der Welt – das haben solche Erfahrungen so an sich, es fühlt sich an, als würde die Erde aufhören sich zu drehen.

Meine Oma ist heute Nacht gestorben.

Um 1:15, bei mir war es 6:15. Ich habe geschlafen. Sie hat es endlich geschafft, ihr tut nichts mehr weh, es ist vorbei. Warum fühlt es sich dann so an, wie es sich anfühlt, wenn es doch für Sie eine Art Erlösung war? Kann von Erlösung überhaupt gesprochen werden, wir wissen doch allesamt nicht was kommt, wie es weiter geht? Meine Verzweiflung war groß, tausend Bilder schießen wie Granaten durch meinen Kopf, meine Gedanken kreisen um alte Geschichte. Zugegeben, das Erste was ich gemacht habe, nachdem mein Heulkrampf sich soweit in den Griff kriegen ließ, dass ich alleine aufstehen konnte, war meine Mama zu kontaktieren. Das war leichter, einfacher als meinen Papa anzurufen, weil es seine Mutter war, die sich von uns verabschiedet hat. Erträglicher, weil ich glaube mit seinem Schmerz gerade nicht umgehen zu können. Trauer ist egoistisch – ich habe mich halten und trösten lassen, zu mehr war ich nicht fähig und bin es auch jetzt noch nicht.

Es wäre gelogen zu sagen, dass der Tag nicht noch schön wurde, aber es fühlt sich falsch an, fast wie Verrat. Aber es war schön und so hilflos ich bin, die Welt dreht sich weiter, das Leben hält nicht den Atem an. Ich hatte das Glück diesen schweren Tag mit Menschen zu verbringen, die für mich da waren. Persönlichkeiten, die ich erst seit ein paar Tagen kenne, haben es ertragen, dass ich über Stunden keinen Ton gesagt habe, haben es sogar geschafft mich zum Lachen zu bringen, haben mir den Raum gegeben, den ich so dringend gebraucht habe. Danke an dieser Stelle.

Ich habe jede einzelne Träne behalten, keine einzige weggewischt erst als der Regen kam wurden sie abgewaschen. Als Kind habe ich immer gesagt „Gib mir meine Tränen zurück“, wenn sie mir von den Wangen gewischt wurden. Ich finde mein Kindheits-Ich hatte recht, Tränen sollen da bleiben, wohin sie fallen – jede hat ihre Bedeutung.

Vielleicht gibt es ja Internet im Himmel… Liebe Oma, ich hab dich lieb, gute Reise!

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